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Der Sagenschatz
Autor: Heinrich Hochgrebe,
veröffentlicht mit freundl. Genehmigung von Gerhard Hochgrebe

I) Die Wallfahrtskirche auf der Quernst
Auf der Quernst stand einst eine stattliche Kirche. Vielleicht war sie von den ersten Verkündern des Christentums an Stelle eines heidnischen Altars hier erbaut worden. Im Mittelalter war sie eine bevorzugte Wallfahrtskirche. An hohen Feiertagen pilgerten in großen Scharen fromme Christen zu ihr hin. Am Bergeshange, wo die Banfe ihren Lauf beginnt, wohnte ein Müller. Obwohl die Mühle gute Kundschaft hatte, kam dem gierigen Müller der Reichtum nicht rasch genug. Immer sann er darüber nach, wie er schnell reich werden könne.
Einst hatte ein Bischof in dem Gotteshause gepredigt, und eine große Menge Volkes war stundenweit gekommen. Da der Seelenhirte Ablaßzettel verkauft hatte, war der Opferstock der Kirche reichlich gefüllt. Auch der Müller hatte dem Gottesdienst beigewohnt. Aber anstatt andächtig zuzuhören hatte er darüber nachgedacht, wie er sich in den Besitz des Opfergeldes setzen könnte. Als alle Wallfahrer ins Tal gezogen waren, wollte auch der alte Meßner den Berg verlassen. Da sprang der Unhold hinter einer Buche hervor und schlug auf den Alten ein. Dieser ließ den Schatz fallen und flüchtete zur Kirche zurück, denn er hoffte, der Räuber werde ihm dorthin nicht nachfolgen. Aber der Müller wollte den Zeugenseiner Tat beseitigen, eilte ihm nach und erschlug ihn am Altar des Herrn. Den Toten ließ der Verruchte in seinem Blute liegen und brachte den Raub in Sicherheit.
In der Nacht brach ein furchtbares Gewitter los. Der Bach wurde zum Strom und, die Mühle mit sich fortreißend, stürzte er der Eder zu. Unter den Trümmern seiner Mühle wurde der Müller begraben, und ein Erdrutsch vertilgte jede Spur seines Anwesens. Gott hatte ihn gerichtet.
Als vor Jahren dort ein tiefer Graben aufgeworfen wurde, fand man noch Reste des Mühlenrades.
Die geschändete Kirche wurde von da ab immer mehr gemieden. Sie verfiel allmählich, bis sie im Dreißigjährigen Kriege von rohen Horden gänzlich zerstört wurde.

2)In der Nähe der Quernst gab es vor vielen hundert Jahren ein Dorf Dennighausen. Es war das zur Zeit,als das Christentum in Deutschland eingeführt wurde. Auch in Dennighausen war der größte Teil der Bevölkerung bekehrt worden. Bald schickte man sich an, eine Kirche zu bauen - und so entstand die Quernstkirche. Draußen tobten die Kämpfe zwischen Sachsen und Franken um des Glaubens willen. Auch die Dennighäuser wurden öfters durch die Gefahren des Krieges bedroht. Darum baute man unterirdische Schlupfwinkel, Wege, Gänge und Gewölbe. Einer der unterirdischen Gänge führte von dem Dorf bis unter die Kirche, den man auch als Begräbnisweg benutzte. Durch ihn trugen die Dennighäuser ihre Toten bis zur Totenstätte an der Kirche. Vor dem Eingange dieses Ganges lag ein großer Brunnen, darinnen man die Toten wusch, ehe man den Gang betrat! - Das erzählt die Sage, und die Gänge und Gewölbe sollen noch heute erhalten sein. Der Name des Dorfes ist als alleiniges Überbleibsel noch erhalten, man bezeichnet heute damit eine Waldgegend. Es gibt auch einen Born dort oben, der heute noch der Totenborn heißt. Der Wegader daran vorbeiführt, heißt der Diebesweg, vielleicht deutet sein Name auch auf diese Zeit hin.

3) Am Totenborn stehen um Mitternacht die Toten auf und bewegen sich in langem Zuge in den offenen Berg hinein. Zuweilen gehen auch einzelne Gestalten mit aschfahlen Gesichtern hier um. Sie lagern am Born oder huschen zwischen den Bäumen umher.

4) Früher, als die Mauern der Quernstkirche noch standen, gab es dort oben ein richtiges Räubernest. Die Räuber stahlen und raubten in den Nachbargemeinden und schleppten ihre Beute in die Höhlen und Gänge der Kirche. Dort stand ein großer Schrank, darin die Räuber ihre gestohlenen Sachen aufbewahrten. Nun war in Altenlotheim eine Bande Mädchen, die wintertags in die Spinnstube gingen. Nur eine, die die anderen Mädchen nicht dulden wollten, durfte nicht mitgehen, trotzdem sie gerne dabei gewesen wäre. Schließlich aber beschloß man, sie in den Kreis aufzunehmenjwenn sie auf die Quernst ginge und einen Arm voll Kleider aus dem Schranke der Räuber holte. Sie willigte ein und stieg allein mitten in der Nacht den Berg hinauf, ging in die Kirche, sah den Schrank, riß ihn auf und nahm einen Arm voll Kleider heraus. Dann rannte sie fort, so schnell sie konnte. Die Räuber aber bemerkten sie und stürzten hinter ihr her. Das Mädchen lief und lief, dicht hinter ihr die Räuber. Endlich, als sie fast zusammenbrach, immer noch von den Räubern verfolgt, erreichte sie Altenlotheim. Sie stürzte in das erste Haus hinein.
Die Räuber hatten schon ihren Zopf erhascht und rissen ihn aus. Zum Glück war es ein falscher Zopf, das Mädchen war gerettet und konnte von nun an auch an der Spinnstube teilnehmen.
5) Es war vor langer Zeit, während der Wintermonate. Hoher Schnee bedeckte Wald und Flur, ein eisiger Wind strich über die Felder. Da war in irgendeinem Hause Altenlotheims Spinnstube, und wieder einmal war man dabei, sich "Wangergeschichten" zu erzählen. Eine gruselige Stimmung herrschte und außer dem Erzähler wagte keiner ein Wort zu sprechen. Die Zeit verging sehr schnellkund bald schickte man sich an, nach Hause zu gehen. Die Mädchen waren mit einer Ausnahme, alle ängstlich; denn das Unheimliche, das man sich erzählt hatte, spukte noch im Kopfe eines jeden. Nur dieses eine Mädchen erklärte mit großer Festigkeit, sie hätte keine Angst. Die Jungen wollten das nicht glauben und verhöhnten sie. Da entgegnete sie, wenn es darauf ankäme, so ginge sie jetzt noch auf die Quernst. Sogleich schloß man eine Wette ab, wobei sich das Mädchen verpflichtete, noch in der gleichen Nacht auf die Quernst zu gehen und als Zeichen dafür,daß sie da gewesen sei, einen Gegenstand aus der Kirche mit nach Hause zu bringen. Mit zwei Jungen, die das Mädchen auf dem langen, schwierigen und verschneiten Weg hinauf bis kurz vor die Kirche begleiteten, begaben sie sich auf den Weg. Es dauerte lange, bis die drei oben ankamen. Einige hundert Meter vor der Kirche blieben die Jungen im Gebüsch zurück. Inzwischen schritt das Mädchen mit großer Furcht, aber doch fest entschlossen, die Aufgabe auszuführen, auf die Kirche los, öffnete die Tür und betrat den totenstillen Raum. Vor ihren erschrockenen Augen flackerten auf dem Altar zwei Kerzen. Vor dem Altar stand wie in Fels gehauen, eine Gestalt, den Rücken dem Mädchen zugewandt. Es mußte wohl ein Pfarrer sein, der im Gebet vertieft war. Schnell eilte sie auf ihn zu, riß ihm die Kopfbedeckung vom Haupte. Sie sollte das Zeichen sein, daß sie die Kirche betreten hatte. Dann rannte sie aus der Kirche. Sie wurde bereits von den Jungen erwartet. Auf dem schnellsten Wege eilten nun die drei wieder ins Dorf zurück, wo sie freudig von den Zurückgebliebenen empfangen wurden. Man begab sich in ein Haus und dort mußte nun das glückliche Mädchen seine Erlebnisse erzählen. Kaum saßen sie jedoch, da klopfte es ans Fenstersund eine geheimnisvolle Stimme bat mehrere Male eindringlich um eas gestohlene Barett. Als die Jungen zögernd.hinaussahen, war niemand da. Aber eine unheimliche Furcht überkam alle. Es war ihnen, als fühlten sie eine große Schuld auf sich und fürchteten die Rache. Deshalb entschloß man sich, die Kappe wieder an ihren Platz zu bringen. Abermals wurde das tapfere Mädchen dazu ausersehen. Traurig wiligte sie ein. Sie und alle anderen ahnten nichts Gutes und drückend schwer lag es auf aller Gemüt. Wieder in Begleitung von zwei Jungen kletterte sie den Berg hinan. Die Jungen blieben in der Nähe der Kirche zurück. Plötzlich hörten sie einen markerschütternden Schrei aus der Kirche. Sie eilten dorthin und fanden die Kirche dunkel. Sie betraten den totenstillen Raum und fanden vor ihren Augen das Mädchen tot am Boden liegen, in ihrer Hand aber hielt sie krampfhaft die schwarze Samtkappe.


 

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